Auf dem Weg zu einer neuen Verkörperung des Einen Menschen aus Nazareth. Grundlagentexte, aktuelle Gedanken, Kommentare, Notizen zu einer möglichen anderen Welt. Von Theo Rickenbacher

  • In seinem Tod hat Jesus, der Nazarener, sein widerständiges System des Lebens aufgerichtet.

    Ein Mensch wird schikaniert, gefoltert und öffentlich hingerichtet. Grundlos. Er ist den Mächtigen ein Dorn im Auge. Er stört sie. Er stellt ihre Macht in Frage. Zwar gewaltlos, aber er ist für die Mächtigen gefährlich, weil er bei vielen Menschen an Einfluss gewinnt. Das muss unterbunden werden. Ein unbarmherziges System der Unterdrückung und des Todes trifft ihn.

    Dieses gleiche System der Unterdrückung und des Todes spielt sich in unseren Tagen wieder gewaltig auf. Es bestimmt im globalen Ausmass sowohl Politik als auch Wirtschaft immer stärker. Es wird gezeigt, wer der Stärkere ist, sowohl militärisch als auch wirtschaftlich. Wer sich nicht unterwirft, wer nicht pariert, wer den Mächtigen nicht zudient, der/die wird sanktioniert oder noch schlimmer: der/die wird eliminiert.

    Das System der Knechtschaft und des Todes spielt sich mächtig auf. Es wird international und innerhalb von viel zu vielen Ländern das Bestimmende. Deshalb werden Menschen schikaniert, gequält, das Leben wird ihnen zu Hölle gemacht. Und überall ist Tod. Viel zu viel Tod.

    Die Person, die am Karfreitag starb, ist eine dieser Personen, die bis heute gnadenlos vom System der Unterdrückung und des Todes getroffen werden.

    Die Person, die am Karfreitag gestorben ist, ist solidarisch mit allen Geschundenen, Missbrauchten und Entwürdigten.

    Diese eine Person verkörpert aber mehr als nur Solidarität mit den Geschundenen. Sie verkörpert auch

    Widerstand und Hoffnung.

    Im Augenblick der Solidarisierung hat diese Person gleichzeitig mit seinem Ende auch das aufgerichtet, was letztlich stärker ist als jedes System der Unterdrückung und des Todes. Sie hat das System des Lebens aufgerichtet.

    Der Existenz dieser Welt liegt ein Wille zum Leben zugrunde. Wenn der nicht da wäre gäbe es nichts. Es gäbe kein Leben, keine Schönheit, keine Vielfalt. In der Welt ist ein Werden und Wachsen angelegt, welches das Leben immer wieder neu zur Entfaltung bringt. Der Wille zum Leben kann zwar abgeklemmt und zurückgedrängt werden, aber er kann nicht ausgelöscht werden. Nichts und Niemand bringt das weg, diesen Willen zum Leben und diese Kraft zum Werden.

    Der Wille zum Leben findet da besonders Raum und er kommt da zum Durchbruch, wo das eine Leben für das andere Leben da ist. Leben bricht auf, wo es gemeinsam gesucht wird, wo es gemeinsam gewollt wird. Leben erblüht, wo das eine Leben zugunsten des anderen Lebens auch einmal zurück steht. Leben entwickelt sich MIT dem anderem Leben zusammen, und es entwickelt sich oft auch gerade DURCH das andere Leben, das etwas von sich dran gibt. Jedes Leben fusst auf anderem Leben. Ohne das andere Leben ist Leben unmöglich. Wir erfahren das beim Essen. Der Salatkopf und die Kartoffel sind nicht mehr, wenn sie uns mit Nährstoffen versorgt haben. Wir erfahren es in der Fürsorge, auf die jeder Mensch an vielen Punkten seines Lebensweges zwingend angewiesen ist. Die Mutter gibt etwas von ihrer Zeit weg, etwas von ihrer Schaffenskraft und etwas von ihrer Nachtruhe, wenn sie ihr Baby stillt. Der demente Unternehmer braucht ein Stück Lebenszeit der Pflegefachperson, die ihn betreut.

    Das Prinzip des Lebens durch das andere Leben, das Prinzip des Lebens durch das Füreinander und das Miteinander, dieses Prinzip hat der Mensch aufgerichtet, der an Karfreitag gestorben ist.

    Er hat es aufgerichtet durch seine Bereitschaft, den Weg in den Tod zu gehen, in Solidarität mit allen Geschundenen. Im Moment seines Sterbens hat er das Prinzip des Lebens durch das Füreinander aufgerichtet

    als das System, das letztlich über allem steht und das alles überdauert.

    Er hat es aufgerichtet auf der Basis des Willens zum Leben, der allem zugrunde liegt und im Vertrauen auf die Kraft des Werdens, die unablässig alles durchdringt. Das an Karfreitag aufgerichtete System des Lebens ist stärker als das System der Unterdrückung und des Todes. Es führt in die Freiheit. Es führt in das Land der Autonomie und der Teilhabe. Gemeinsam ist der Einzug in dieses Land möglich! Gewaltfrei, aber machtvoll!

    Und das System des Todes, das so mächtige, wo bleibt es? Das System des Todes kennt nur Tod, es KANN nur Tod. Dem System des Todes entschwindet letztlich das Leben, das es gewaltsam erringen will. Das Leben kann man eben nicht HABEN. Das Leben kann nur SEIN, es kann nur werden. Wer es gewaltsam erkämpfen will, dem zerrinnt es in den Händen. Es bleibt nur noch Tod.

    Die Solidarität des Einen mit den Drangsalierten, den Geknechteten, den Entrechteten, den Unterdrückten und den Leidenden hat den Weg aufgezeigt, wo das Leben ist und wo Freiheit ist: Im Miteinander und im Füreinander. Und im Vertrauen auf den Willen zum Leben, der die Welt durchdringt, im Vertrauen auf die Kraft des Werdens, die Leben aufbrechen lässt.

    Der Tod des einen Menschen an Karfreitag war Tod. Ja. Mit allem Schrecken. Aber gleichzeitig war er der Anfangspunkt für einen Tanz ins Leben. Wir sind eingeladen, den Anfang des Tanzes aufzunehmen. Erste Tanzschritte zu wagen. Den Tanz ins Leben beginnen. Freudig. Trotzig. Widerständig. Gemeinschaftlich. Gegen alle Systeme der Unterdrückung und des Todes.

  • Unser Projekt „Spielfalt“, Café mit Indoor-Spielpark für Erwachsene und mit Chnöpfli-Zmittag.

    Vom April 2011 bis zum April 2016 führten meine Frau und ich den Begegnungsort „Spielfalt“, ein Café mit einem Indoor-Spielpark für Erwachsene. Wir führten den Betrieb in Bern in der Nähe des Eigerplatzes, in einem Gewerberaum an der Mühlemattstrasse 53. An drei Wochentagen (Mittwoch bis Freitag) servierten wir dort über die Mittagszeit Chnöpfli-Spezialitäten. Sonst war das Lokal für Gruppenanlässe geöffnet (Geburtstage, Familienfeiern, Team-Anlässe).

    Nachfolgend ein Link zur Beschreibung des Projektes und zu einer ausführlichen Auswertung.

  • Die religiös-emanzipatorische Gestaltungskraft neu ins Spiel bringen.

    Die Gesellschaft hat heute, im ersten Viertel des 21. Jahrhunderts, ein riesiges Grundproblem: Der Kapitalismus kann die Bedürfnisse „des kleinen Mannes“, „der kleinen Frau“, der besitzlosen Bevölkerung, der Arbeiterschaft, nicht mehr bedienen. Und schon gar nicht kann es den Bedürfnissen der Menschen in der südlichen Hemisphäre gerecht werden. Es klafft ein riesiges unausgefülltes, zerstörerisches, lebensvernichtendes Loch.

    Der Grund dafür liegt im Wesen des Kapitalismus, wie er heute dominant verstanden wird. Dieser hat das Primat des Geldes, des Gewinns und des Wachstums. Dazu fusst er auf dem Prinzip des Wettbewerbs und der Durchsetzung des Stärkeren. Der Stärkere ist immer der Besitzende. Der Stärkere ist der, oben sitzt und der vom System profitiert.

    Diese den Kapitalismus treibenden Werte haben autoritäres, zwingendes Gewicht. Kapitalismus ist ein in sich autoritäres System geworden.

    In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts hatte der Kapitalismus ein wenig ein anderes Gesicht. Es war die soziale Marktwirtschaft, die auf eine menschengerechte Verteilung der vorhandenen und geschaffenen Werte achtete. Die arbeitende, besitzlose Bevölkerung und die Schwachen in der Gesellschaft (die nicht, noch nicht, oder nicht mehr voll leistungsfähigen Menschen) sollen auch Anteil an den Werten haben.

    Das Primat des Menschen, das Primat des Menschen-dienlichen ist im Kapitalismus aber in den Hintergrund gerückt. Was dem Menschen dient, was der Mensch braucht, muss in immer stärkerem Mass den „Heiligtümern“ des Kapitalismus (Profit, Wachstum, Wettbewerb, Durchsetzung des Stärkeren) geopfert werden. Die Opfer werden mit Religion-ähnlichen Absolutismen eingefordert.

    Der Kapitalismus „rettet“ sich derzeit in eine neue Form, in der er sich als im Kern autoritäres System halten kann: Er kleidet sich in das Gewand des National-Autoritären, das „dem kleinen Mann“ Anteil an den Gegebenen und geschaffenen Werten verspricht, einerseits unter der Bedingung der durch die Herrschenden definierten Konformität und andererseits durch Ausschluss-Mechanismen gegenüber den als nicht-konform Deklarierten. Diese national-autoritäre Form des Kapitalismus verspricht, „dem kleinen Mann“ mehr zu geben als die derzeit dominierende neoliberale Ausformung des Kapitalismus. Aber diese Form des Kapitalismus hat einen hohen Preis: das Nichtkonforme wird geopfert. Anteil gibt es nur durch Anpassung, was letztlich zu Unfreiheit führt und was zudem der Korruption („Arschkriecherei“) Tür und Tor öffnet. Die Rechte des Individuums werden den Rechten geopfert, die das System des national-autoritären einfordert. Menschenrechte und Völkerrechte werden dem „Heiligtum“ der national deklarierten Ideologie und Weltanschauung geopfert.

    Dem gescheiterten Weg des neoliberal-autoritären Kapitalismus und dem menschenfeindlichen Weg des national-autoritären Kapitalismus muss EIN DRITTER WEG entgegen gestellt werden: Ein an den Menschen orientiertes, selbstbestimmtes, gemeinschaftlich entwickeltes Haushalten mit den in der Welt vorgegebenen und durch das menschliche Schaffen gewordenen Gütern und Werten.

    Dieses neue Haushalten braucht eine neue nicht-autoritäre ideelle Grundlage. Den religionsähnlichen Ideologien, die Opfer verlangen und knechtend wirken, muss ein die Menschen befreiendes, emanzipierendes Wertsystem entgegen gesetzt werden, ein Wertsystem, das die Menschen zu Teilhabenden und Beteiligten macht.

    Die befreienden, emanzipierenden, zu Teilhabenden machenden Aspekte sind im Kern jeder Religion enthalten. Sie traten und treten in den unterschiedlichen Zeitepochen in unterschiedlicher Stärke und in unterschiedlichen Formen in Erscheinung. Sie sind immer vermischt mit anderen, autoritären, die Menschen fremdbestimmenden Aspekten der Religion. Zwischen diesen beiden Aspekten der Religion besteht ein Kampf quer durch alle Religionen. Meist dominiert (leider) der autoritäre Typus, der von den Herrschenden instrumentalisiert wird. Die emanzipatorischen Teile der Religion haben aber eine immanente Sprengkraft in sich, die immer wieder zum Durchbruch kommt und zwingend zum Durchbruch kommen muss.

    Für mich sind die befreienden Aspekte der Religion am eindrücklichsten in der Person des Jesus von Nazareth zu finden. Dann wieder, zumindest in einigen wichtigen Aspekten, in der Reformationszeit. Ich sehe dasselbe in der methodistischen Bewegung um die Brüder Wesley, in neuerer Zeit in der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung um Martin Luther King und in der Person von Nelson Mandela.

    Ich sehe viel Emanzipatorisches im Buddhismus. Auch der Islam trägt die Unmittelbarkeit des Zugangs zum Göttlichen für das einzelne Individuum in sich, es wird zur Zeit vom politisch instrumentalisierten Islam in der Wahrnehmung stark verdeckt. Das Judentum hat als Ursprungsgeschichte die Geschichte von der Befreiung aus der Knechtschaft und die Geschichte des Weges hin zu einem solidarisch und gemeinschaftlich gestalteten Leben im Schalom und es trägt den Kern des Emanzipatorischen ebenfalls stark in sich.

    Der dritte Weg braucht eine ideele Grundlage, welche die Menschen zu Teilhabenden und Teilnehmenden macht, zu Menschen, die selbstbestimmt und gemeinschaftlich ausziehen aus den Knechtschaften, in das Land des Lebens im friedlichen Miteinander.

    Das Potential der emanzipatorischen Elemente in den Religionen muss fruchtbar gemacht werden. Es ist das Potential, das einem dritten Weg Kraft geben kann, das einem dritten Weg zum Durchbruch verhelfen kann und das neues System des menschen-dienlichen Haushaltens tragen kann.

    Der dritte Weg ist auch deshalb so wichtig, weil die autoritären Formen des Kapitalismus vom Wesen her auch den Krieg in sich tragen. Der Kampf jeder gegen jeden, die Dominanz des Stärkeren, die Höherstellung der eigenen Nation mit der Geringschätzung der anderen Nationen, die Sicherung der eigenen Autorität, das ist im Kern Krieg. Unter dem Vorwand der eigenen Sicherheit wird daraus schnell die bewaffnete Auseinandersetzung oder der Wirtschaftskrieg, wie aktuell zu sehen ist.

    Der dritte Weg ist im Weiteren absolut wichtig, ja äusserst DRINGLICH, weil die zwei anderen Wege, der noeliberal-kapitalistische und der national-autoritär-kapitalistische, auf der Basis von AUSBEUTUNG beruhen: Ausbeutung und Plünderung der planetaren Ressourcen, Zerstörung der Lebensgrundlage der Menschen, dramatische Veränderung der Lebensbedingungen, der Ernährungsmöglichkeiten, Ausbeutung der Menschen vor allem in der südlichen Hemisphäre, Ausbeutung der Schwachen in der Gesellschaft weltweit. Es ist höchste Zeit für einen NEUEN WEG. Es ist höchste Zeit für die ABKEHR von alten Wegen. Es ist höchste Zeit für die UMKEHR, für das AUFSTEHEN und für den AUFBRUCH zu Neuem.

    im Januar 2026, Theo Rickenbacher