In seinem Tod hat Jesus, der Nazarener, sein widerständiges System des Lebens aufgerichtet.
Ein Mensch wird schikaniert, gefoltert und öffentlich hingerichtet. Grundlos. Er ist den Mächtigen ein Dorn im Auge. Er stört sie. Er stellt ihre Macht in Frage. Zwar gewaltlos, aber er ist für die Mächtigen gefährlich, weil er bei vielen Menschen an Einfluss gewinnt. Das muss unterbunden werden. Ein unbarmherziges System der Unterdrückung und des Todes trifft ihn.
Dieses gleiche System der Unterdrückung und des Todes spielt sich in unseren Tagen wieder gewaltig auf. Es bestimmt im globalen Ausmass sowohl Politik als auch Wirtschaft immer stärker. Es wird gezeigt, wer der Stärkere ist, sowohl militärisch als auch wirtschaftlich. Wer sich nicht unterwirft, wer nicht pariert, wer den Mächtigen nicht zudient, der/die wird sanktioniert oder noch schlimmer: der/die wird eliminiert.
Das System der Knechtschaft und des Todes spielt sich mächtig auf. Es wird international und innerhalb von viel zu vielen Ländern das Bestimmende. Deshalb werden Menschen schikaniert, gequält, das Leben wird ihnen zu Hölle gemacht. Und überall ist Tod. Viel zu viel Tod.
Die Person, die am Karfreitag starb, ist eine dieser Personen, die bis heute gnadenlos vom System der Unterdrückung und des Todes getroffen werden.
Die Person, die am Karfreitag gestorben ist, ist solidarisch mit allen Geschundenen, Missbrauchten und Entwürdigten.
Diese eine Person verkörpert aber mehr als nur Solidarität mit den Geschundenen. Sie verkörpert auch
Widerstand und Hoffnung.
Im Augenblick der Solidarisierung hat diese Person gleichzeitig mit seinem Ende auch das aufgerichtet, was letztlich stärker ist als jedes System der Unterdrückung und des Todes. Sie hat das System des Lebens aufgerichtet.
Der Existenz dieser Welt liegt ein Wille zum Leben zugrunde. Wenn der nicht da wäre gäbe es nichts. Es gäbe kein Leben, keine Schönheit, keine Vielfalt. In der Welt ist ein Werden und Wachsen angelegt, welches das Leben immer wieder neu zur Entfaltung bringt. Der Wille zum Leben kann zwar abgeklemmt und zurückgedrängt werden, aber er kann nicht ausgelöscht werden. Nichts und Niemand bringt das weg, diesen Willen zum Leben und diese Kraft zum Werden.
Der Wille zum Leben findet da besonders Raum und er kommt da zum Durchbruch, wo das eine Leben für das andere Leben da ist. Leben bricht auf, wo es gemeinsam gesucht wird, wo es gemeinsam gewollt wird. Leben erblüht, wo das eine Leben zugunsten des anderen Lebens auch einmal zurück steht. Leben entwickelt sich MIT dem anderem Leben zusammen, und es entwickelt sich oft auch gerade DURCH das andere Leben, das etwas von sich dran gibt. Jedes Leben fusst auf anderem Leben. Ohne das andere Leben ist Leben unmöglich. Wir erfahren das beim Essen. Der Salatkopf und die Kartoffel sind nicht mehr, wenn sie uns mit Nährstoffen versorgt haben. Wir erfahren es in der Fürsorge, auf die jeder Mensch an vielen Punkten seines Lebensweges zwingend angewiesen ist. Die Mutter gibt etwas von ihrer Zeit weg, etwas von ihrer Schaffenskraft und etwas von ihrer Nachtruhe, wenn sie ihr Baby stillt. Der demente Unternehmer braucht ein Stück Lebenszeit der Pflegefachperson, die ihn betreut.
Das Prinzip des Lebens durch das andere Leben, das Prinzip des Lebens durch das Füreinander und das Miteinander, dieses Prinzip hat der Mensch aufgerichtet, der an Karfreitag gestorben ist.
Er hat es aufgerichtet durch seine Bereitschaft, den Weg in den Tod zu gehen, in Solidarität mit allen Geschundenen. Im Moment seines Sterbens hat er das Prinzip des Lebens durch das Füreinander aufgerichtet
als das System, das letztlich über allem steht und das alles überdauert.
Er hat es aufgerichtet auf der Basis des Willens zum Leben, der allem zugrunde liegt und im Vertrauen auf die Kraft des Werdens, die unablässig alles durchdringt. Das an Karfreitag aufgerichtete System des Lebens ist stärker als das System der Unterdrückung und des Todes. Es führt in die Freiheit. Es führt in das Land der Autonomie und der Teilhabe. Gemeinsam ist der Einzug in dieses Land möglich! Gewaltfrei, aber machtvoll!
Und das System des Todes, das so mächtige, wo bleibt es? Das System des Todes kennt nur Tod, es KANN nur Tod. Dem System des Todes entschwindet letztlich das Leben, das es gewaltsam erringen will. Das Leben kann man eben nicht HABEN. Das Leben kann nur SEIN, es kann nur werden. Wer es gewaltsam erkämpfen will, dem zerrinnt es in den Händen. Es bleibt nur noch Tod.
Die Solidarität des Einen mit den Drangsalierten, den Geknechteten, den Entrechteten, den Unterdrückten und den Leidenden hat den Weg aufgezeigt, wo das Leben ist und wo Freiheit ist: Im Miteinander und im Füreinander. Und im Vertrauen auf den Willen zum Leben, der die Welt durchdringt, im Vertrauen auf die Kraft des Werdens, die Leben aufbrechen lässt.
Der Tod des einen Menschen an Karfreitag war Tod. Ja. Mit allem Schrecken. Aber gleichzeitig war er der Anfangspunkt für einen Tanz ins Leben. Wir sind eingeladen, den Anfang des Tanzes aufzunehmen. Erste Tanzschritte zu wagen. Den Tanz ins Leben beginnen. Freudig. Trotzig. Widerständig. Gemeinschaftlich. Gegen alle Systeme der Unterdrückung und des Todes.